{"id":157,"date":"2015-09-21T11:45:44","date_gmt":"2015-09-21T11:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/?p=157"},"modified":"2016-10-17T09:02:37","modified_gmt":"2016-10-17T09:02:37","slug":"der-grenzgaenger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/der-grenzgaenger\/","title":{"rendered":"Der Grenzg\u00e4nger"},"content":{"rendered":"<h6><strong>Edi Theiler reiste letztes Wochenende nach Ungarn, um Fl\u00fcchtlingen zu helfen. F\u00fcr ihn gab es gar keine andere Wahl.<\/strong><\/h6>\n<figure style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignright\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.sonntagszeitung.ch\/data_soz\/outData\/issues\/sz_20_09_2015\/articleMedia\/mensch_neu.high.jpg?resize=235%2C424\" alt=\"\" width=\"235\" height=\"424\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Edi Theiler in seinem VW Bus: &#8220;Ich bin ein Mensch. Ein Mensch mit Herz&#8221;. Bild: Ren\u00e9 Ruis<\/figcaption><\/figure>\n<div>\n<div>\n<p class=\"copy\">Gedankenverloren streichelt Edi Theiler die glatte Oberfl\u00e4che seines VW-Busses. \u00abIch musste einfach gehen\u00bb, sagt er pl\u00f6tzlich und schaut auf. Der durchdringende Ausdruck in seinen Augen l\u00e4sst keine Zweifel zu.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"copy\">Es war das Bild des ertrunkenen Aylans, das ihn am letzten Wochenende an die serbisch-ungarische Grenze trieb:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"copy\">\u00abKeine Frage. Ich musste endlich weg von der Zuschauerrolle. Viel zu lange schaute ich einfach zu.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"copy\">Zusammen mit den zwei Freunden Balz Willen und Thomas Gerber packte Theiler seinen Bus voll mit Decken, Schlafs\u00e4cken, Zelten, Jacken und Schuhen, auch Farmerst\u00e4ngel hatten Platz. Alles Spenden von Freunden oder Firmen, die auf seinen Facebook-Post reagiert hatten.<\/p>\n<p class=\"copy\"><!--more--><\/p>\n<div>\n<p class=\"copy\">Mit einem Ruck \u00f6ffnet Theiler die Seitent\u00fcr des weissen Wagens. Nachdenklich schaut er ins Innere. Es scheint, als f\u00fchle er sich noch immer im Grenzdorf R\u00f6szke. Unter syrischen Fl\u00fcchtlingen, ersch\u00f6pft und verzweifelt. \u00abAls ob wir in einen laufenden Fluss geworfen w\u00fcrden. Wir mussten sofort schwimmen lernen\u00bb, sagt Theiler. Komplett \u00fcberfordert seien sie anfangs gewesen. Doch f\u00fcr Z\u00f6gern gab es keine Zeit. \u00abNur wenn du richtig entschlossen bist, vertrauen dir die Fl\u00fcchtlinge.\u00bb Und nur dann helfe Hilfe wirklich.<\/p>\n<h6>Schlepper warteten schon auf\u00a0die ersch\u00f6pften Fl\u00fcchtlinge<\/h6>\n<p class=\"copy\">Dieses Vertrauen war besonders wichtig in der Nacht. Wenn neue Fl\u00fcchtlingsfamilien ankamen und sie die letzten 500 Meter zu Fuss von der Grenze zum Camp gehen mussten. \u00abFreiwild f\u00fcr die wartenden Schlepper\u00bb, sagt Theiler. Doch wie konnten die Helfer verhindern, dass die ersch\u00f6pften Fl\u00fcchtlinge sich nicht in die Schlepper-Autos fallen liessen? \u00abIch konnte ja auch\u00a0nicht einfach einen Stecken nehmen und auf die Schlepper eindreschen\u00bb, sagt Theiler. Seiner Entschlossenheit verdanke er schliesslich, dass es geklappt habe, die Fl\u00fcchtlinge weg von den Schleppern zu f\u00fchren. Ein Erlebnis, das Theiler tief ber\u00fchrte: \u00abSie hatten ja keine Ahnung, was mit ihnen passiert. Null.\u00bb<\/p>\n<p class=\"copy\">Wenn Theiler spricht, h\u00e4ngt er am Satzende oft noch etwas an. Nicht als Erg\u00e4nzung. Sondern als Best\u00e4tigung. Es scheint, dass es f\u00fcr ihn gar keine andere Option gibt. \u00abDass ich nach Ungarn gegangen bin, ist f\u00fcr mich keine Leistung. Es\u00a0ist selbstverst\u00e4ndlich.\u00bb<\/p>\n<h6>Theiler w\u00fcnscht sich, dass der Bundesrat vor Ort geht<\/h6>\n<p class=\"copy\">Theiler ist Gr\u00fcnder und Chef einer Firma f\u00fcr Medizinprodukte. Wie kommt ein CEO und Familienvater dazu, spontan das Wochenende in einem Fl\u00fcchtlingscamp zu verbringen? \u00abIch bin ein Mensch\u00bb, antwortet Theiler. Und hier kommt es wieder, das best\u00e4tigende Satzende: \u00abEin Mensch mit Herz.\u00bb Nur darum ginge es jetzt in diesem Drama. Nicht ums Abw\u00e4gen von Meinungen und Positionen. Theiler w\u00fcnscht sich, dass der Bundesrat selbst vor Ort geht, bevor er Entscheidungen trifft: \u00abDenn die Regierung ist eingebunden in Rechtssysteme und Wahlpropaganda. In Dinge, die sie weit weghalten von ihrer Menschlichkeit. Vom Menschsein.\u00bb<\/p>\n<p class=\"copy\">Allein das stehe im Fokus, \u00abdenn es spielt einfach alles keine Rolle mehr. Keine Religion, keine Meinungen.\u00bb Purer Zufall, welche Familien Theiler auf dieser kurzen Reise getroffen hat. Familien und Einzelpersonen. Ganz verschiedene Menschen. Viele gut ausgebildet. \u00abDas ist schon heftig. Sie alle hatten eine Existenz, ein Selbstwertgef\u00fchl. Und jetzt m\u00fcssen sie durch diese schreckliche M\u00fchle.\u00bb Eine Begegnung ist Theiler besonders eingefahren. Ein Familienvater kam am Morgen nach einer intensiven Nacht auf ihn zu und fragte: \u00abWas soll ich jetzt tun?\u00bb Theiler wurde \u00fcberrumpelt und konnte nicht anders als weinen. \u00abDa habe ich gemerkt, wie es mir pl\u00f6tzlich pers\u00f6nlich wichtig wurde, dass sie weiterkommen.\u00bb Mit diesem jungen Mann habe er auch die E-Mail-Adresse ausgetauscht.<\/p>\n<p class=\"copy\">Und was h\u00e4lt Theiler von Schweizern, die Angst haben, Fl\u00fcchtlinge aufzunehmen? \u00abIch kann es verstehen, aber nicht nachvollziehen. Oder nachvollziehen, aber nicht verstehen.\u00bb Wieder ein richtiger Theiler-Satz. Jetzt gehe es bloss darum, m\u00f6gliches Leid zu verringern. \u00abIch w\u00fcnsche mir, dass sich Menschen mehr von ihrem Herzen als von Angst leiten lassen.\u00bb Theiler wird noch mal gehen. Im Winter, wenn es kalt und regnerisch wird. Dann wird er seinen Bus vollpacken und wieder dorthin fahren, wo es dringend Hilfe braucht.<\/p>\n<p class=\"copy\">Kein Zweifel.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"copy\">Artikel erschienen am 21. September 2015 in der SonntagsZeitung.<\/p>\n<p class=\"copy\">Bild: Ren\u00e9 Ruis<\/p>\n<\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edi Theiler reiste letztes Wochenende nach Ungarn, um Fl\u00fcchtlingen zu helfen. F\u00fcr ihn gab es gar keine andere Wahl. Gedankenverloren streichelt Edi Theiler die glatte Oberfl\u00e4che seines VW-Busses. \u00abIch musste einfach gehen\u00bb, sagt er pl\u00f6tzlich und schaut auf. 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