{"id":263,"date":"2015-12-06T10:12:45","date_gmt":"2015-12-06T10:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/?p=263"},"modified":"2016-10-17T09:01:21","modified_gmt":"2016-10-17T09:01:21","slug":"mit-stethoskop-und-teleskop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/mit-stethoskop-und-teleskop\/","title":{"rendered":"Mit Stethoskop und Teleskop"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tankred St\u00f6be rettete 1400 Fl\u00fcchtlingen auf dem Mittelmeer das Leben<\/strong><\/p>\n<p class=\"P\">Pl\u00f6tzlich schrillen die Alarmglocken. Noch 30 Minuten. Tankred St\u00f6be k\u00e4mpft sich an der schaukelnden Leiter aufs Deck. Er hastet zum eisernen Schrank. Desinfektionsmittel, Druckverb\u00e4nde, Schwimmwesten: alles bereit.<\/p>\n<p class=\"P\">Jetzt starrt der 46-j\u00e4hrige Arzt raus auf die See. Die dunklen Wellen tanzen. St\u00f6be greift zum Teleskop. \u00abDie Anspannung springt in diesem Moment von null auf hundert\u00bb, sagt der Notarzt \u00fcber die Minuten, bevor seine Crew ein Fl\u00fcchtlingsboot in Not erreicht. St\u00f6be kam k\u00fcrzlich vom Einsatz auf dem Rettungsschiff Dignity 1 der Hilfsorganisation M\u00e9decins sans Fronti\u00e8res (MSF) zur\u00fcck. In vier Wochen hat er 1400 Menschenleben gerettet.<\/p>\n<p class=\"P\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-281\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?resize=525%2C494\" alt=\"mensch.high\" width=\"525\" height=\"494\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?resize=960%2C903&amp;ssl=1 960w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?resize=595%2C560&amp;ssl=1 595w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?resize=1260%2C1186&amp;ssl=1 1260w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?resize=900%2C847&amp;ssl=1 900w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?w=2048&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?w=1050 1050w, https:\/\/i0.wp.com\/fionaendres.ch\/Wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/mensch.high_.jpg?w=1575 1575w\" sizes=\"(max-width: 706px) 89vw, (max-width: 767px) 82vw, 740px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"P\">Trotz des Winterwetters wagen immer noch viele Asylsuchende die Reise \u00fcber das Mittelmeer. Das zeige ihre pure Verzweiflung, sagt St\u00f6be. Die Chance zum \u00dcberleben sei auf der \u00dcberfahrt h\u00f6her, als wenn sie zu Hause blieben: \u00abDas ist wie russisches Roulette.\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">\u00dcber 3000 Fl\u00fcchtlinge sind 2015 ertrunken, mehr als im Vorjahr. Die Dunkelziffer ist hoch. MSF hat vorgestern Freitag beschlossen, mit Greenpeace eine neue Aktion zwischen Griechenland und der T\u00fcrkei zu starten. Auch vor der libyschen K\u00fcste kreuzt weiterhin ein MSF-Schiff.<\/p>\n<p class=\"P\">Die Bedingungen seien prek\u00e4r gewesen, sagt St\u00f6be.<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"P\">\u00abDie Fl\u00fcchtlinge liegen stundenlang in Salzwasser, Urin und Benzin.\u00bb<\/p>\n<\/blockquote>\n<p class=\"P\">Wenn sie an Bord kletterten, musste er sekundenschnell entscheiden, wer am dringendsten Hilfe ben\u00f6tigte.<\/p>\n<p class=\"P\">Der Deutsche erz\u00e4hlt gern, er spricht schnell und effizient. Wenn es um seine Mission geht, will er, dass ihn sein Gegen\u00fcber versteht. Doch alle paar Minuten zerreisst ein Witz diese Ernsthaftigkeit, er lacht laut und herzhaft.<\/p>\n<p class=\"P\">Seine Empathie und Eloquenz halfen St\u00f6be auch auf dem Boot, um das Vertrauen der Fl\u00fcchtlinge zu gewinnen. Nur so k\u00f6nne er die bestm\u00f6gliche Hilfe leisten: \u00abManche sind nur ersch\u00f6pft, aber viele sind schon krank und verletzt bei der Abreise.\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"P\">W\u00e4hrend seines Einsatzes starb ein junger Somalier an akutem Herzversagen. Der Teen\u00adager wurde in Libyen schwer misshandelt, auf dem Schiff brach er zusammen. \u00abNat\u00fcrlich ber\u00fchrt mich das, sonst m\u00fcsste ich sofort den Beruf wechseln\u00bb, sagt der Rettungsarzt. Jedes gerettete Leben gebe ihm ein grosses Gl\u00fccksgef\u00fchl. Besonders gefreut habe ihn, wenn er Kinder aufnehmen konnte. \u00abDie M\u00fctter schliefen sofort ersch\u00f6pft ein\u00bb, sagt St\u00f6be. Doch die Kleinen h\u00e4tten sich einmal gesch\u00fcttelt und dann sogleich an Deck gespielt: \u00abWir mussten aufpassen, dass sie nicht von Bord purzelten.\u00bb<\/p>\n<p class=\"ZT\"><strong>Europ\u00e4ische Wehwehchen vs. existenzielles \u00dcberleben\u00a0<\/strong><\/p>\n<p class=\"P\">St\u00f6bes Crew war international: eine griechische Logistikerin, eine tschechische Hebamme, die Krankenschwester kam aus Norwegen und der Koch aus Spanien. \u00abF\u00fcr niemanden gab es Privilegien\u00bb, sagt St\u00f6be. Als promovierter Notarzt schrubbte er auch mal die Schiffstoilette.<\/p>\n<p class=\"P\">Seit 2002 reist St\u00f6be als \u00abArzt ohne Grenzen\u00bb dorthin, wo es brennt. Nepal, Gazastreifen, Syrien, Pakistan sind nur einige der Gebiete. In seinem anderen Leben in Berlin ist St\u00f6be Leseratte und Kulturliebhaber. Doch die Zeit, in der er durch B\u00fccher bl\u00e4ttert und in Konzertsesseln sitzt, ist rar. St\u00f6be schuftet \u00dcberstunden, um die Auslandseins\u00e4tze zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p class=\"P\">\u00abDie Not ist ein Imperativ an mich\u00bb, sagt St\u00f6be. \u00abWir sind hier so unglaublich privilegiert.\u00bb Er wolle etwas von sich geben und bekomme viel zur\u00fcck: \u00abDie Geschichten der Menschen helfen mir, die grossen Fragen der Gegenwart zu verstehen\u00bb. Auch der Spagat zwischen Notfallstation und Krisenregion reize ihn: \u00abWir bewegen uns zwischen zwei Kontinenten, mit zwei verschiedenen Wertesystemen.\u00bb Hier w\u00fcrde jedem sofort geholfen, auf dem Boot helfe er zuerst dem, der es am dringendsten brauche: \u00abIm Vergleich scheinen unsere europ\u00e4ischen Wehwehchen manchmal l\u00e4cherlich.\u00bb<\/p>\n<p class=\"ZT\">\u00abVom Sofa aus \u00fcber Fl\u00fcchtlinge zu motzen, ist zynisch\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">Die Eins\u00e4tze w\u00fcrden ihn an seine Motivation erinnern, Arzt geworden zu sein, sagt St\u00f6be. Es gehe dabei um Elementares: \u00abEin Fl\u00fcchtling kennt keine Sinnfrage. F\u00fcr ihn geht es um existenzielles \u00dcberleben.\u00bb Diese Erkenntnis, f\u00fcr Einfaches dankbar zu sein, wirke sich auch auf seinen Alltag aus: \u00abJedes Mal, wenn ich in mein Luxusleben zur\u00fcckkomme, f\u00fchle ich mich wie auf Drogen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">Manchmal w\u00fcnsche er sich, dass dies auch andere erkennten: \u00abVom warmen Sofa \u00fcber Fl\u00fcchtlinge zu motzen, ist zynisch.\u00bb Er hofft, dass Europa endlich ein Konzept finde, damit Fl\u00fcchtlinge vor Ort Asyl beantragen k\u00f6nnten: \u00abSie auf dem Weg ertrinken zu lassen, ist inakzeptabel.\u00bb Abschottung sei keine Option: \u00abWir m\u00fcssen und k\u00f6nnen den Fl\u00fcchtlingen helfen. Jetzt m\u00fcssen wir nur noch wollen.\u00bb Weil die Politik versage, m\u00fcssten Private wie MSF einspringen.<\/p>\n<p class=\"P\">St\u00f6be weiss, dass sein Einsatz nur ein Tropfen auf den heissen Stein ist: \u00abHumanit\u00e4re Hilfe heisst immer, mit einer hohen Frustration umzugehen.\u00bb Er sei kein Weltretter, kein Held: \u00abWir l\u00f6sen keine Konflikte, aber wir k\u00f6nnen das Leben ein bisschen ertr\u00e4glicher machen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">Lange werden die Fl\u00fcchtenden nicht mehr ablegen k\u00f6nnen. Der Seegang werde zu stark, die Wellen zu hoch, sagt St\u00f6be: \u00abDoch solange noch Boote kommen, sind wir da.\u00bb<\/p>\n<div class=\"LG\"><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tankred St\u00f6be rettete 1400 Fl\u00fcchtlingen auf dem Mittelmeer das Leben Pl\u00f6tzlich schrillen die Alarmglocken. Noch 30 Minuten. Tankred St\u00f6be k\u00e4mpft sich an der schaukelnden Leiter aufs Deck. Er hastet zum eisernen Schrank. 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