{"id":613,"date":"2016-10-17T09:23:48","date_gmt":"2016-10-17T09:23:48","guid":{"rendered":"http:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/?p=613"},"modified":"2016-10-17T09:24:13","modified_gmt":"2016-10-17T09:24:13","slug":"die-alltaegliche-frauenverachtung-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fionaendres.ch\/Wordpress\/die-alltaegliche-frauenverachtung-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Die allt\u00e4gliche Frauenverachtung in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<div class=\"LD\">\n<p class=\"P\"><strong>Unter #SchweizerAufschrei offenbart sich der weitverbreitete Sexismus<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"P\">Eine Hand ber\u00fchrt Lucias Haare. \u00abMach doch mal die Beine breit\u00bb, zischt er ihr zu. Sein Kollege gr\u00f6lt laut.<\/p>\n<p class=\"P\">Im Zelt angekommen, nahm er Petras Hand und legte sie auf seinen erigierten Penis. Sie war 14-j\u00e4hrig, er doppelt so alt.<\/p>\n<p class=\"P\">Selina k\u00e4mpft sich durch die Menschenmenge am Hauptbahnhof Z\u00fcrich. Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrt sie Finger auf ihrer Brust. Der Mann zieht den Arm wieder zur\u00fcck und l\u00e4uft an ihr vorbei.<\/p>\n<p class=\"P\">Unter dem Hashtag #SchweizerAufschrei haben diese drei Frauen ihre Erlebnisse geteilt. Viele andere, und auch einige M\u00e4nner, haben es ihnen gleichgetan. Der Hashtag jagt immer noch durch die sozialen Medien. Die Geschichten berichten von Grenz\u00fcberschreitungen. Von ungewollten Ber\u00fchrungen. Von anz\u00fcglichen Kommentaren. Von erniedrigenden Situationen im Alltag.<\/p>\n<p class=\"P\"><!--more--><\/p>\n<p class=\"P\">Der Ausl\u00f6ser war eine Recherche der SonntagsZeitung: Am letzten Sonntag berichteten wir, dass nur jeder dritte Vergewaltiger ins Gef\u00e4ngnis muss. Darauf reagierte SVP-Nationalr\u00e4tin Andrea Geissb\u00fchler. In einem Interview mit dem Regionalsender TeleB\u00e4rn sagte sie vor einer Woche, dass \u00abnaive Frauen\u00bb eine Mitschuld h\u00e4tten, wenn sie vergewaltigt w\u00fcrden. Denn sie w\u00fcrden fremde M\u00e4nner nach dem Ausgang mit nach Hause nehmen, ein bisschen mitmachen \u00abund dann doch nicht wollen\u00bb. Geissb\u00fchler relativierte diese Aussagen sp\u00e4ter, doch der Aufschrei war programmiert.<\/p>\n<p class=\"P\">Es begann um 17.51 Uhr am Mittwochabend. Franziska Schutzbach, eine Genderforscherin an der Universit\u00e4t Basel, tippte: \u00abLangsam Zeit f\u00fcr einen Schweizer Aufschrei: Der Typ, der mich als 14-J\u00e4hrige im Wald verfolgte und mir an die Br\u00fcste griff.\u00bb<\/p>\n<p class=\"ZT\"><strong>Sexuelle Bel\u00e4stigung wird als normal wahrgenommen<\/strong><\/p>\n<p class=\"P\">Schutzbach plante die Aktion mit drei anderen Aktivistinnen. Die Frauen wollten damit auf die Aussagen Geissb\u00fchlers reagieren, doch auch auf das Video von Donald Trump, in dem er sexuelle Gewalt verharmlose. Die Macht in der Gesellschaft sei systematisch ungleich verteilt, sagt Schutzbach: \u00abWir m\u00fcssen \u00fcber Feminismus reden.\u00bb Nicht Einzelne seien Schuld, es sei vielmehr ein gesellschaftspolitisches Thema.<\/p>\n<p class=\"P\">Schutzbach besch\u00e4ftigt sich auch beruflich mit diesen Fragen: \u00abStudien zeigen, dass junge Frauen sexuelle Bel\u00e4stigung als normal anschauen.\u00bb In diesem Bereich h\u00e4tten viele Frauen ein weniger star-kes Unrechtsbewusstsein als bei anderen Themen: \u00abSie schr\u00e4nken sich freiwillig selbst ein, um sexueller Gewalt aus dem Weg zu gehen.\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">Wenn sie vom Ausgang nach Hause kommen, machen junge Frauen einen Umweg, damit sie nicht durch die Unterf\u00fchrung m\u00fcssen. Wenn ihnen nachts ein Mann entgegenkommt, wechseln sie die Strassenseite. Wenn sie im Club angesprochen werden, sprechen sie vom Partner, den es gar nicht gibt, weil sie wissen, dass ein \u00abNein, kein Interesse\u00bb nicht immer akzeptiert wird.<\/p>\n<p class=\"P\">Mit ihrer Aktion will Schutzbach zeigen, dass Sexismus im Alltag nicht normal ist. Und sie will eine Debatte anstossen: \u00abDie Schweiz ist ein Entwicklungsland in Sachen Geschlechterpolitik.\u00bb Man habe in der Schweiz die letzten Jahre vor allem \u00fcber die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesprochen, aber: \u00abAuch Sexualit\u00e4t ist politisch!\u00bb<\/p>\n<p class=\"P\">Einige Politikerinnen haben mitgemacht beim \u00abAufschrei\u00bb. Sie zeigen, dass Sexismus auch vor den T\u00fcren des Bundeshauses nicht haltmacht. Die SP-Nationalr\u00e4tin Min Li Marti twitterte, dass ein Ratskollege ihr sagte, das Thema sei halt kompliziert, vielleicht k\u00f6nne ihr das ihr Mann (der Gr\u00fcnen-Nationalrat Balthasar Gl\u00e4ttli) erkl\u00e4ren. Ihre Parteikollegin Mattea<\/p>\n<p class=\"P\">Meyer beteiligte sich ebenfalls: \u00abDie Ratskollegen, die dich kichernd fragen, wann es Nacktbilder gebe von dir.\u00bb Ihr Tweet l\u00f6ste entr\u00fcstete Kommentare aus. Sie solle sich besser mit ihrer politischen Arbeit besch\u00e4ftigen, als sich im Internet wichtigzumachen, schreibt ein User namens \u00abRockstr\u00bb. Viele pflichten ihm bei. Sie m\u00fcsse die Namen der Ratskollegen \u00f6ffentlich machen, um zu beweisen, dass ihre Geschichte stimme, schreiben sie.<\/p>\n<p class=\"P\">Meyer ist damit nicht alleine. Viele wurden aufgefordert, mehr Details preiszugeben, weil sonst alles erfunden sein k\u00f6nnte. Auch Beschimpfungen und Drohungen machten die Runde: \u00abFick dich, du frustrierte M\u00e4nnerhasserin!\u00bb, heisst es, oder: \u00abWenn ich deine Fotos ansehe, l\u00e4sst du dich wohl nur von deinem Hund v\u00f6geln.\u00bb Auch Schutzbach wurde gedroht: \u00abIch werde dich in alle L\u00f6cher ficken.\u00bb Oft lese sie die Kommentare gar nicht, sagt sie. Die Mitinitiantin der Aktion, Anne-Sophie Keller, hat noch ein Rezept. Sie recherchiere, wer hinter den Kommentaren stecke, und melde dies dem Arbeitgeber: \u00abWenn sie noch jung sind, auch den Eltern.\u00bb Doch die Hassbotschaften lassen die Frauen nicht kalt, sagt Schutzbach: \u00abJede Beschimpfung ist wie ein kleiner, psychologischer Schock.\u00bb<\/p>\n<div class=\"LG\"><\/div>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter #SchweizerAufschrei offenbart sich der weitverbreitete Sexismus Eine Hand ber\u00fchrt Lucias Haare. \u00abMach doch mal die Beine breit\u00bb, zischt er ihr zu. Sein Kollege gr\u00f6lt laut. 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